Die Power Platform bietet zahlreiche Möglichkeiten zur Automatisierung von Geschäftsprozessen. Doch es gibt Situationen, in denen es sinnvoll oder sogar notwendig ist, auf andere Tools zurückzugreifen. Dies gilt insbesondere, wenn komplexe Datenverarbeitung gefragt ist, umfangreiche Integrationen erforderlich sind oder leistungsfähige, individuelle Programmierung benötigt wird.
Was bedeutet es, die Power Platform zu verlassen?
Das Verlassen der Power Platform bedeutet, dass einzelne Teile einer Lösung oder sogar ein gesamtes Projekt ausserhalb des Power-Platform-Ökosystems umgesetzt werden. Anstelle von Tools wie Power Apps oder Power Automate kommen beispielsweise individuell entwickelte Anwendungen oder externe Dienste zum Einsatz. Dies geschieht typischerweise dann, wenn die Anforderungen die Möglichkeiten der Low-Code-Plattform übersteigen und mehr Flexibilität, Kontrolle oder Leistungsfähigkeit benötigt wird.
Was geht dabei verloren?
Um die Low-Code-Umgebung der Power Platform zu verlassen, wird spezifisches Fachwissen benötigt, insbesondere im Bereich der Softwareentwicklung. Dieses Know-how ist in der Regel aufwendiger aufzubauen oder erfordert den Einsatz spezialisierter Fachkräfte. Dadurch steigen sowohl der Zeitaufwand als auch die Kosten. Während viele Lösungen innerhalb der Power Platform schnell und mit vergleichsweise geringem technischem Aufwand umgesetzt werden können, führt der Wechsel zu individuell entwickelten Anwendungen oft zu längeren Entwicklungszeiten und einem höheren Ressourceneinsatz.
Ein weiterer Nachteil beim Verlassen der Power Platform ist der Verlust der integrierten Sicherheitsmechanismen von Microsoft. Dienste wie Power Apps oder Power Automate verfügen bereits über umfassende Sicherheitsfunktionen, die standardmässig aktiviert sind und ohne grossen Zusatzaufwand genutzt werden können. Bei individuell entwickelten Lösungen müssen diese Sicherheitsaspekte hingegen eigenständig konzipiert und implementiert werden, was zusätzlichen Aufwand verursacht und potenziell ein höheres Risiko für Sicherheitslücken mit sich bringt.
Was gewinnt man dadurch?
Der grösste Vorteil beim Verlassen der Power Platform liegt in der gewonnenen Freiheit und Flexibilität. Anstatt an die Vorgaben und Möglichkeiten der Plattform gebunden zu sein, kann frei entschieden werden, welche Technologien eingesetzt, wo Anwendungen betrieben und wie einzelne Komponenten umgesetzt werden. Dadurch entsteht auch ein deutlich höheres Mass an Individualisierung, da Lösungen genau auf spezifische Anforderungen zugeschnitten und ohne die Einschränkungen eines Low-Code-Systems gestaltet werden können. Gleichzeitig geht diese Freiheit mit mehr Verantwortung für Architektur, Betrieb und Wartung einher.
Grössere oder komplexere Verarbeitungsschritte, wie beispielsweise Datenaggregation oder umfangreiche Transformationen stossen in der Power Platform häufig an ihre Leistungs- und Effizienzgrenzen. In solchen Fällen werden oft alternative Lösungen eingesetzt, die besser für rechenintensive Aufgaben geeignet sind. Dazu gehören beispielsweise Azure Functions, die weiterhin innerhalb des Microsoft-Ökosystems genutzt werden können, oder auch vergleichbare Dienste wie AWS Lambda. Diese bieten deutlich mehr Flexibilität und Performance für anspruchsvollere Workloads.
In einem Kundenprojekt habe ich eine Azure Function selbst entwickelt und die hybride Architektur dadurch nicht nur konzeptionell, sondern auch in der Umsetzung begleitet. Ziel war es, wiederkehrende Verarbeitungsschritte aus der Power Platform auszulagern und den Flow auf die Orchestrierung zu reduzieren: Ein zeitgesteuerter Flow (z. B. alle 30 oder 60 Minuten) triggert die Verarbeitung, sendet eine HTTP-Anfrage an die Azure Function und erhält anschliessend das Ergebnis zurück.
Ein Detail, das in der Praxis schnell relevant wird, ist das Lizenzmodell: Da HTTP-Requests in der Power Platform als Premium-Funktion gelten, haben wir den Ansatz bewusst über einen Recurrence-Trigger umgesetzt. Damit wird in vielen Szenarien lediglich ein einzelner Premium-User benötigt. Genau diese Kombination aus technischer Entkopplung, besserer Skalierbarkeit und einer pragmatischen Kostensteuerung hat mich überzeugt – und war der Anlass, die Erkenntnisse in diesem Beitrag strukturiert festzuhalten.

Gibt es eine Zwischenlösung?
Seit dem 5. Februar 2026 gibt es zudem eine Art Zwischenlösung innerhalb der Power Platform: sogenannte Code Apps, die aktuell nur für Premium-Nutzer verfügbar sind. Diese ermöglichen es, klassische Low-Code-Ansätze mit individuell geschriebenem Code zu kombinieren. Dadurch können Entwickler komplexere Logik, eigene Funktionen oder spezifische Integrationen umsetzen, ohne die Plattform vollständig verlassen zu müssen. Code Apps schliessen damit die Lücke zwischen standardisierten Low-Code-Anwendungen und vollständig individuell entwickelten Lösungen und bieten mehr Flexibilität innerhalb des bestehenden Ökosystems.
Fazit und Empfehlung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Verlassen der Power Platform vor allem dann sinnvoll ist, wenn die Anforderungen eines Projekts die Möglichkeiten einer Low-Code-Lösung übersteigen. Insbesondere bei komplexer Datenverarbeitung, hoher Performance-Anforderung oder spezifischen Integrationen bieten individuell entwickelte Lösungen klare Vorteile in Bezug auf Flexibilität, Skalierbarkeit und Anpassbarkeit. Gleichzeitig gehen diese Vorteile jedoch mit erhöhtem Aufwand, höheren Kosten sowie zusätzlicher Verantwortung für Sicherheit, Betrieb und Wartung einher.
Für die Praxis empfiehlt es sich daher, die Power Platform weiterhin als effiziente Lösung für standardisierte und weniger komplexe Anwendungsfälle zu nutzen. Bei steigender Komplexität kann ein hybrider Ansatz sinnvoll sein, bei dem rechenintensive oder spezialisierte Komponenten ausgelagert werden, während die Power Platform weiterhin für Orchestrierung und Benutzeroberflächen eingesetzt wird. Mit den neu verfügbaren Code Apps steht zudem eine Zwischenlösung zur Verfügung, die es erlaubt, zusätzliche Flexibilität zu gewinnen, ohne die Plattform vollständig zu verlassen. Insgesamt sollte die Entscheidung stets auf Basis der konkreten Anforderungen, der vorhandenen Ressourcen und der langfristigen Wartbarkeit getroffen werden.



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